
Woher, wie weit, warum?
237 Kilometer mit dem Fahrrad auf dem Camino Portugués

Nach genau 237 Kilometern erreichte ich mit dem Fahrrad Santiago de Compostela. Von Porto aus hatte mich der Jakobsweg über holpriges Kopfsteinpflaster, durchwurzelte Waldböden und staubige Pisten geführt, steile Anstiege hinauf und rasante Abfahrten wieder hinunter, an der Küste entlang und durch die Tore alter Städte. Mit mir fuhr Raúl, mein Guide. Für ihn war es ein Jubiläum: sein siebzigster Camino seit 1989. Für mich war es der erste.
Die Sonne brannte mir den Nacken rot. Das ständige Rütteln setzte Hüfte, Rücken und Fußgelenken zu. Finger und Füße schliefen ein, die Waden krampften. Am dritten Tag, bereits auf spanischer Seite, fuhren wir auf einem Bretterweg den Minho entlang. Der Fluss lag zu meiner Linken, dunkelblau und fein gekräuselt. Unter meinen Reifen klapperten die Bretter, während mich der Wind leicht ausbremste. Er schmeckte salzig und kam von vorne, von dort, wo der Fluss in den Atlantik mündete. Irgendwann fiel mir auf, dass mein sonst so rastloser Kopf stiller geworden war. Das hatte ich nicht erwartet.

Als Nachweis meiner Strecke sammelte ich täglich mindestens zwei Stempel in meinem Pilgerpass – in Unterkünften und Kirchen sowie an Rastplätzen. Manche wurden rasch mit Tinte aufgedrückt, andere entstanden langsamer: Einmal schmolz ein Mann am Wegesrand Wachs über einer Flamme, ließ es auf eine freie Seite tropfen und drückte ein Siegel hinein. Ich wartete, bis das Wachs erkaltet war.
Je näher wir Santiago kamen, desto voller wurde der Weg. Viele, erzählte Raúl, waren erst in Tui aufgebrochen, gleich hinter der portugiesischen Grenze. Radpilger begegneten mir nur wenige, zu Fuß dagegen waren Tausende unterwegs: Junge und Alte, allein, zu zweit oder in Gruppen, mit Wanderstock und ohne. Die meisten trugen eine Jakobsmuschel um den Hals. An manchen Rucksäcken hing das Foto eines Menschen, der nicht dabei sein konnte und so doch mitreiste.
Nach einem Waldstück führte ein staubiger, unbefestigter Pfad auf ein Dorf zu, an dessen Ortseingang Kinder spielten. Als ich heranfuhr, streckten sie mir die Hände entgegen. Im Vorbeifahren klatschte ich mit einem nach dem anderen ab und alle riefen mir „Buen Camino!“ hinterher.
Von einer Anhöhe aus sah ich die Dächer Santiagos. Auf den letzten Metern zur Praza do Obradoiro stieg ich ab und schob mein Rad. Vor der Kathedrale jubelten Fremde, ringsum lagen sich Menschen in den Armen. An diesem Tag wurden 4.520 Pilger offiziell registriert. Und ich war einer von ihnen.
Es gab keinen Wettbewerb. Niemand war Erster.


Im Pilgerbüro erhielt ich die Compostela, meine Pilgerurkunde. Dort verabschiedete ich mich von Raúl. Nun beginne die letzte Etappe jeder Pilgerreise, sagte er: die Heimkehr. Ich blieb noch zwei Tage in Santiago. In einem Café beobachtete ich die Neuankömmlinge. Einige humpelten, andere hatten offene Wunden. In vielen Gesichtern sah ich Erschöpfung und zugleich die Freude, angekommen zu sein. Eine Frau sprach mich auf Französisch an und deutete auf mein T-Shirt mit der Aufschrift „Porto → Santiago de Compostela“. Wir wechselten ein paar Worte, dann lächelte sie, legte mir sanft eine Hand auf die Schulter und sagte zum Abschied auf Englisch: „Take care.“
Während immer neue Pilger an mir vorbeizogen, fragte ich mich: Woher kamen sie? Wie weit waren sie gegangen? Und warum?
Auf Spanisch heißt es hacer el Camino – den Camino machen. Ich hatte ihn in sechs Tagen mit dem Fahrrad gemacht, doch meine Reise hätte ruhig noch länger dauern dürfen. Mich reizt bereits der Gedanke an eine weitere Etappe, diesmal zu Fuß.










