Patagonien

"Am Ende der Welt"

„Wo liegt Patagonien und was erwartet dich dort?“, lauteten die häufigsten Reaktionen, wenn ich mein neues Reisevorhaben ankündigte. Meine Antwort fiel meist knapp aus, denn ich wusste selbst noch nicht viel darüber. Der Anstoß zu dieser Fernreise entstand durch ein beeindruckendes Landschaftsbild, das als Bildschirmschoner auf meinem Monitor aufploppte und mich sofort faszinierte. So fasste ich spontan den Entschluss, dorthin zu reisen.

Während ich im Flugzeug dem fröstelnden Winter in Deutschland den Rücken kehrte, las ich einen Reiseführer über Patagonien und stimmte mich auf ein Abenteuer voller intensiver Naturerlebnisse ein. Patagonien bezeichnet eine entlegene Region am südlichen Ende Südamerikas. Dieser Landstrich erstreckt sich über Chile und Argentinien und wird von den mächtigen Anden durchzogen. Für europäische Seefahrer und Entdecker war die Gegend über Jahrhunderte das letzte bekannte Festland vor dem offenen Ozean.

Es würden mich schroffe Berge, riesige Gletscher, menschenleere Weiten, dichte Wälder, tiefe Fjorde, türkisfarbene Seen sowie ein wechselhaftes Klima erwarten. Die Tierwelt, so las ich, solle ebenso wild und vielfältig wie die Landschaft selbst sein: Guanakos, die durch die patagonische Steppe streifen, Andenkondoren, die hoch über den Gipfeln ihre Kreise ziehen und Pinguine, die an den Küsten umher watscheln. Mit etwas Glück könnte mir sogar ein Berglöwe – ein Puma – begegnen.

Nach meiner Ankunft in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sitze ich nun in einem gemütlichen Café und schreibe diese Zeilen, während Bilder voller Vorfreude in meinem Kopf entstehen.

Am Ende der Welt, so heißt es, beginnt Patagonien und für mich beginnt damit mein erstes großes Abenteuer im neuen Jahr.

Bariloche Tor nach Patagonien

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Nach einem kurzen Aufenthalt in Buenos Aires und ersten Begegnungen mit der argentinischen Kultur brachte mich ein Inlandsflug nach Bariloche. Die Stadt am Rand der Anden liegt im nördlichen Patagonien, in der Grenzregion zu Chile. Hier begann mein eigentliches Abenteuer.

Bariloche gilt als Sprungbrett für Entdeckungen der patagonischen Natur. Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt zeigte sich die charakteristische Landschaft des Nordens. Das Gelände wurde bergiger, das große Andenseengebiet begann. Wandergletscher aus der Eiszeit formten einst das Land und hinterließen zahllose Senken, in denen sich später Schmelzwasser sammelte. Direkt vor meiner Unterkunft ruhte der Nahuel-Huapi-See. Tief und kalt lud sein sanft leuchtendes Blau dennoch zu einem erfrischenden Bad ein. Das Süßwasser ist von solcher Reinheit, dass es von lokalen Brauereien für ihr beliebtes Bier verwendet wird.

Um einen Ausblick auf die umliegende Natur zu erhaschen, fuhr ich mit einem Sessellift hinauf auf den Cerro Campanario, ein Aussichtspunkt, der Seen, Berge und Wälder zu einem überwältigenden Gesamtbild verband. Von oben konnte ich weit in der Ferne einen Schleier über den Bergen erkennen, der auf mich zunächst wie Nebelschwaden wirkte. Erst auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass es sich um Rauch handelte.

Waldbrände wüteten seit Tagen und hatten bereits große Flächen zerstört. In den Nachrichten hatte ich von Evakuierungen und gesperrten Straßen gehört. Die Schönheit der Aussicht bekam einen bitteren Beigeschmack. Meine Route jedoch würde mich abseits des Flammeninfernos leiten und so hielt ich vorerst an meiner Reise fest.

Zurück im Tal suchte ich einen der Wälder rund um Bariloche auf. Im Parque Municipal Llao Llao führte mich ein Wanderweg durch einen typischen nordpatagonischen Wald mit zahlreichen Scheinbuchen. Der häufigste Baum im Park ist hochgewachsen, immergrün, mit grob strukturierter Rinde und wächst ausschließlich auf der Südhalbkugel.

Irgendwo dazwischen standen knorrige, kupferfarbene Arrayán-Bäume mit ungewöhnlich glatter Rinde, als hätte Gepetto persönlich sie zu Märchenfiguren geformt und poliert. Nur zufällig entdeckte ich einen großen Käfer, der sich mit seinen Beinen an einem Baumstamm festhielt. Sein bunt glänzender Panzer blitzte im Licht des Waldes auf; Grün, Blau, Rot und ein Hauch von Gold schimmerten über seinen Körper. Meine neugierigen Blicke schienen ihn nicht zu stören. Eine kleine Meisterleistung der Natur, die den Zauber dieses Waldes wunderbar symbolisierte. Am nächsten Morgen brach ich schließlich auf, um die argentinisch-chilenische Grenze zu überqueren: ein Ganztagestrip durch die Anden und ein Vorgeschmack auf die Abenteuer, die noch vor mir lagen.

Hop-on-Hop-off durch die Anden

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Für gewöhnlich ist ein Grenzübertritt kein Ereignis, an das man sich später noch oft erinnert. Man kümmert sich um das Formelle, bekommt einen Stempel in den Reisepass und darf passieren. Doch wenn der Länderübergang inmitten der spektakulären Andenlandschaft stattfindet und wenn dabei Seen, Wälder und Bergpässe überwunden werden müssen, dann wird aus einer bürokratischen Angelegenheit plötzlich eine kleine Expedition, die im Gedächtnis bleibt. Was mich an diesem Tag erwartete, war ein Wechselspiel aus Bootsfahrten, Wanderungen und Busstrecken. „Cruce de Lagos“ nennt man diese Reisestrecke, die quer durch das Gebirge führt und Argentinien mit Chile verbindet.

Als ich mit einem Katamaran vom zentralen Hafen in Bariloche ablegte und das Ufer allmählich verblasste, peitschte starker Wind über das Deck, riss an meiner Jacke und füllte meine Lungen mit kalter, klarer Luft. Ich hielt mich am Geländer fest und ließ den Blick gleiten: erst über das Wasser, das sich von tiefblau zu smaragdgrün wandelte, dann hinauf zu den Bergen, die den See umschlossen.

Während das Boot vibrierte und der Wind heulte, vermittelten sie mir eine kraftvolle Ruhe, die alles andere überragte – kein Zittern, kein Nachgeben, nur diese massive Beständigkeit. Zu ihren Füßen drängte dichter Wald ans Ufer, kletterte weit die Steilhänge hinauf, verlor sich in der Höhe und gab schließlich den blanken Fels frei.

Als ich während der vielen Stationen wieder einmal an Land stand und auf den Bus wartete, der mich weiterbringen sollte, zog es mich in einen der umliegenden Wälder. Ein mächtiger Baumstamm ragte quer über dem Weg, als hätte der Wald ihn dort bewusst als Schranke platziert, damit man um Einlass bittet. Ich duckte mich darunter hindurch und folgte dem Pfad.

Über mir spannte sich ein Dach aus Ästen, das das Sonnenlicht nur in Fetzen hineinließ. Alles wirkte gedämpft. Der Wald hatte seine eigene Lautstärke und sein eigenes Licht. Manche Bäume standen so verwachsen und verdreht, als hätten Wind und Wetter ihnen über Jahre hinweg ihre Form aufgezwungen. Je weiter ich ging, desto mehr hatte ich das Gefühl, in eine eigene Welt eingetreten zu sein. Doch immer wieder öffnete sich zwischen den Bäumen ein Blick auf den See, der mir zur Orientierung diente. Erst als mich mein Handy an den Bus erinnerte, kehrte ich zurück zum Steg, zur Route und in das stetige Weiterziehen dieses Tages.

Der Bus schlängelte sich in endlosen Serpentinen durch die andine Vegetation, vorbei an steilen Hängen, tiefen Schluchten und Wasserläufen. Mit jeder Kurve verloren wir an Höhe. Der Asphalt wurde zur Piste. Staub wirbelte auf und der Bus holperte bei geringer Sicht weiter durch die bewaldete Bergwelt. Ich sprang förmlich von einem Szenario ins nächste und schließlich wartete die letzte, längste Bootsfahrt auf mich. Wieder glitt das Ufer langsam in die Ferne, wieder öffnete sich das Wasser vor mir.

Und während sich im Hintergrund einsame Bergspitzen abzeichneten, kam zusehends der Osorno-Vulkan in Sicht. Seine Form war nahezu perfekt: ein makelloser Kegel mit weißer Krone, der über allem thronte wie ein Wahrzeichen Chiles, das niemand übersehen konnte. Einen ganzen Tag hatte ich für diesen Grenzübertritt eingeplant, der sich zu einem unerwarteten Hop-on-Hop-off-Erlebnis durch die Wildnis entwickelte, bei dem jede Station eine neue Landschaft enthüllte.

Nebelwinde und Vulkangestein

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„Komm, schau von hier oben,“ schien der Osorno zu rufen. Seine symmetrische Stratovulkanform wirkte aus der Ferne wie eine Einladung und je näher ich ihm kam, desto stärker wurde mein Wunsch, seinem Ruf zu folgen. Nicht der Kraterrand sollte es werden. Eine aussichtsreiche Wanderung über die Aschefelder unterhalb des Gipfels hatte ich mir vorgenommen: weit genug oben, um dem schneebedeckten Gipfel nahe zu sein und doch mit genügend Abstand, um mich nicht mit Gletscherspalten, rutschigem Untergrund und der dünneren Luft messen zu müssen.

Ich wollte die Weite der Anden sehen. Der Himmel jedoch dämpfte an diesem Morgen meine Erwartungen auf ein offenes Panorama, das ich mir von dort oben versprochen hatte. Eine schwere Wolkendecke hing tief im Gebirge. Alles lag im dichten Nebel. Vom Vulkan blieb bloß ein blasser Schatten hinter der feuchten Luft. Über zahlreiche Serpentinen schraubte sich der Weg hinauf, bis ich mit dem Auto die Schutzhütte auf 1.200 Metern Höhe erreichte. Von dort begann meine Wanderung hinein in den Nebel.

Ich lief ohne Sicht, nur nach Gefühl und Instinkt, über den dunklen, körnigen Ascheboden, der unter meinen Sohlen nachgab. Nach einer langen Steigung führte mein Pfad schließlich auf einen schmalen Grat, der sich wie eine lange Linie ins Nichts zog. Rechts und links fiel die Welt steil ab ins undurchsichtige Grau. Nebelwinde trieben rasant über den Grat hinweg – ein ruheloser Schleier, der seitwärts drängte, sich in Fetzen löste und im nächsten Moment wieder dicht zusammenschob.

Mehrere Wandernde gingen mir voraus. Durch den Nebel erschienen sie nur als Silhouette. Ich folgte ihnen konzentriert und wach. Und plötzlich, ganz abrupt, als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen, drang die Sonne durch einen Spalt in der Wolkendecke. Der Schleier begann sich zu lösen. Über mir tauchte der Gipfel auf, klar und kühn aufragend, mit einem hellen Schneefeld.

In der Ferne öffnete sich die Landschaft so weit, dass ich Konturen erkannte und erstmals die berauschende Höhe wahrnahm, auf der ich mich befand. Es war eine Aussicht, besser noch, als ich sie mir erhofft hatte. Zurück in der Schutzhütte empfing mich eine wohltuende Wärme. Ich setzte mich, kam zur Ruhe und aß ein paar frisch gebackene Empanadas, während ich durch das Fenster beobachtete, wie der Osorno sich erneut in Nebel hüllte.

Torres del Paine: Unterwegs in der patagonischen Wildnis – Teil 1

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Je früher die Sonne aufgeht und je später sie untergeht, desto mehr Zeit bleibt für Erkundungstouren und spontane Fotostopps. Im Januar sind die Tage in Patagonien besonders lang, was mir bei meinem nächsten Etappenziel sehr entgegenkam. Auf meiner Reise von Norden nach Süden erreichte ich das Gebiet rund um den Torres-del-Paine-Nationalpark in Chile.

Ich blieb dort mehrere Tage auf einer Pferderanch inmitten der Natur.
Schon der erste Morgen begann vielversprechend. Das Panoramafenster meiner Unterkunft rahmte die Aussicht wie eine Kinoleinwand und lockte mich noch vor dem Wecker aus dem Schlaf. Während mein Zimmer noch im Dunkeln lag, leuchtete die Landschaft draußen im Morgenlicht. Vom Bett aus sah ich zu, wie der Tag allmählich die Bühne betrat.

Direkt vor dem Fenster breitete sich Buschland bis weit in den Hintergrund aus, durchsetzt mit zerzausten, schiefgewachsenen Bäumen. Der Rio Serrano schlängelte sich glitzernd durchs Grün. Dahinter erhob sich ein schroffes Bergmassiv mit hellen Schneespitzen. Über allem spannte sich der klare, blaue Morgenhimmel. Die aufgehende Sonne tauchte Wolken und Fels in ein gelb-orangenes Licht. Ein Anblick, so inspirierend, dass er einem motivhungrigen Maler als Vorlage für ein wildromantisches Landschaftsgemälde gereicht hätte und mich ganz automatisch zur Kamera greifen ließ.

Mit dem Auto unternahm ich täglich ausgedehnte Fahrten durch die Weite des Nationalparks, um mich den wechselnden Szenerien hinzugeben. Lilafarbene Lupinenfelder wogten im Takt des Windes. Ein Wald aus Baumgerippen, blattlos, blass und ausgezehrt, rauschte auf einer windoffenen Ebene an mir vorbei. Er glich einem Friedhof voller Skelette einer altgedienten Armee, die ihr Leben längst hinter sich gelassen hatte und doch dem patagonischen Wetter bis in alle Ewigkeit trotzte.

Ein dichtes Netz aus Flüssen und Lagunen zog sich durch das wasserreiche Schutzgebiet. Dort, wo die Fluten donnernd und schäumend mit ungebändigter Kraft abwärts drängten, hielt ich inne und staunte.

Immer wieder wanderte mein Blick zu den markanten Granitnadeln, nach denen der Park benannt ist, den berühmten „Torres“: drei steile Türme, die aus der Landschaft emporragen, sich in den Himmel stemmen und wirken, als kratzten sie mit ihren scharf geschnittenen Kanten an den Wolken.

Jedes Halten am Wegesrand wurde zu einem Erlebnis, jede Weiterfahrt zum Auftakt des nächsten Blickfangs. Und während ich durch dieses weite, raue Terrain fuhr, hielt ich Ausschau nach Wildtieren: nach Gürteltieren und Stinktieren, nach Geiern und Kondoren. Ich hoffte auf einen Puma, doch es waren die Guanacos, die mir immer wieder einzeln oder in großen Herden begegneten und mich gelassen aber wachsam beobachteten.

Torres del Paine: Unterwegs in der patagonischen Wildnis – Teil 2

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Irgendwann tauschte ich das Fahrzeug gegen einen Sattel und unternahm einen mehrstündigen Reitausflug auf einem großgewachsenen Criollo-Pferd namens Gentle Giant Coyote. Meine Reiterfahrungen beschränkten sich bisher auf wenige Gelegenheiten und waren eher gemütlicher Natur. Diesmal jedoch wurde ich deutlich mehr gefordert.

Gemeinsam schritten wir entlang des windigen Ufers des Río Serrano, trabten über Wiesen, stapften durch Bäche und matschige Sümpfe, fanden unseren Weg durch verzweigte Wälder und kletterten steile Anhöhen hinauf und wieder bergab.

Der Ausritt eröffnete mir Perspektiven, die ich weder aus dem Auto noch zu Fuß bekam. Der gleichmäßige Rhythmus des Pferdes unter mir hatte etwas Erdendes und schärfte meine Wahrnehmung für die Umgebung. Dabei entstand zwischen uns ein stilles Zusammenspiel. Jede seiner Reaktionen war spürbar. So blieb ich aufmerksam und ganz im Moment.

An einer besonders morastigen Stelle zögerte Coyote kurz und ich spürte, wie er unter sich den Boden abtastete, bevor er entschlossen weiterging. Auch das Tempo passte zur Landschaft. Es war schnell genug, um voranzukommen und gemächlich genug, um wirklich zu sehen. Irgendwo zwischen Wind, Wasser und Wald fühlte sich Patagonien an der Seite des Pferdes noch ein Stück wilder an.

Zum Abschluss meines Aufenthalts im Torres del Paine Nationalpark schnürte ich die Wanderschuhe und machte mich auf den Weg zum Lago Grey – einem Gletschersee. Ein schmaler, endloser Kieseldamm teilte das Wasser und führte mich auf eine kleine Halbinsel. Erst noch musste ich eine steile Anhöhe erklimmen, dann erreichte ich den Mirador Lago Grey. Von dem Aussichtspunkt aus blickte ich auf das gegenüberliegende Ufer des Sees. Eine bläulich schimmernde Gletscherzunge, eingeklemmt zwischen dunklen Felswänden, fiel abrupt ins Wasser ab.

Ich erkannte ein Boot, das vor der Eisfront entlangfuhr. Es wirkte winzig in dieser Kulisse und machte die enormen Ausmaße des Gletschers erst begreifbar. Zwar sah ich die Eismassen nur aus der Ferne, doch klar genug, um mich sofort in ihren Bann ziehen zu lassen. Es war lediglich ein Vorgeschmack. Schon am nächsten Morgen sollte ich hinüber auf die argentinische Seite Patagoniens reisen und mich an meine erste Gletscherwanderung wagen.

Im Reich des Eises

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Eine gewaltige, bläulich schimmernde Eiswand ragte vor mir auf. Sie schien unüberwindbar – wie eine Festungsmauer, die jeden Versuch, sie zu stürmen, im Keim erstickt. Und doch würde ich gleich über ihre Flanke hinaufsteigen und das schier endlose, gefrorene Labyrinth dahinter betreten.

Mit dem Boot war ich zuvor über den Lago Argentino bis hierher vorgedrungen, vorbei an Eisbergen und Eisschollen, die lose auf dem See trieben. Nun verharrte das Boot einen Moment lang unmittelbar vor der Front des Perito Moreno Gletschers. Feuchtkalte Luft wehte von der Eismasse herüber, als hätte jemand eine riesige Kühltruhe geöffnet. Ich atmete tief ein. Die ersten Züge stachen in der Brust, dann blieb ein klares Wachheitsgefühl.

Schließlich legten wir am Ufer an. Ich zog die Handschuhe über, nicht nur wegen der windigen Kälte: „Das Eis schneidet scharf wie Rasiermesser. Ein falscher Griff und die Haut reißt auf“, sagte der Guide, der mich durch diese Eiswelt führen sollte.

Er prüfte meine Spikes, während ich Helm und Windjacke anzog. Kurz darauf setzten wir gemeinsam den ersten Schritt auf den Gletscher. Der Boden wechselte zwischen glatten Bahnen und holprigen, mit kleinen Eisstücken übersäten Flächen.

Wir stiegen über Gletscherspalten, deren Abgründe tief in der Dunkelheit verschwanden, und folgten schmalen Passagen, die sich zwischen gezackten Eistürmen hindurchwanden. Mal ging es mit kräftigen Schritten steil hinauf, mal tasteten wir uns behutsam wieder hinunter. Der Guide führte mich zu einem Wasserlauf unter einer frisch entstandenen Eisbrücke. Ich setzte vorsichtig einen Fuß darauf und verlagerte zögerlich das Gewicht. Das Eis gab nicht nach, also ging ich langsam hinüber.

Unter mir gluckste das klare Schmelzwasser und floss in eine Spalte. „Hier ist es immer anders“, sagte der Guide. In seiner Stimme lag Begeisterung, aber auch Respekt. „Das Terrain ist im ständigen Wandel, der Gletscher in Bewegung. Risse entstehen, Seracs stürzen ein, Kanten brechen ab und wachsen anderswo nach. Neue Formationen bilden sich und wir müssen unsere Route jedes Mal neu finden.“ Ich spürte, wie die Vorstellung davon mich faszinierte. Es fühlte sich an, als würde ich über eine Landschaft laufen, die sich im selben Moment umgestaltet. Die Expedition wurde dadurch nur noch spannender. Direkt vor mir klaffte ein Spalt in einer Wand, gerade groß genug, um hineinzukrabbeln.

Ohne lange zu überlegen, zwängte ich mich durch die Öffnung. Ich blickte in eine blau glänzende Röhre von unerkennbarer Tiefe. Brummen und Plätschern umgaben mich, begleitet von diffusem Knacken und Ächzen. Hinter einer dünnen Schicht Eis erkannte ich fließendes Wasser, das sich durch feinste Risse drängte und zu einem Rinnsal wurde. Raumklang und Licht wirkten beinah meditativ. Ich kroch voran, lauschte, wollte verweilen. Plötzlich: ein ohrenbetäubender Knall, wie aus einer Kanone, so durchdringend, dass mir schwindelig wurde. Irgendwo spaltete sich das Eis und ein Brocken brach ab. Das Echo rollte durch die Röhre zu mir heran, ohne dass ich sagen konnte, woher es kam. Ich hielt den Atem an und krabbelte rückwärts, Zentimeter für Zentimeter, bis das Tageslicht mich zurückhatte.

Später am Tag, nach Stunden in der weißen Wildnis, näherte ich mich dem Ende dieses Abenteuers. Dem Empfinden nach hatte ich eine ganze Welt durchlaufen und doch war es nur ein Bruchteil dieses Eisriesen, dessen Weite das bloße Auge nicht zu fassen vermag.

Karakara vs. Sturm

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Während meiner Wanderung auf dem Perito Moreno Gletscher machte ich eine unerwartete Bekanntschaft. Es begann damit, dass ein lautloser Schatten über das weiß-blaue Eis huschte. Erst blickte ich umher, dann schließlich nach oben. Hoch über mir zog ein großer Vogel seine Kreise, immer wieder, als würde er etwas beobachten. An seiner Silhouette und am Flugstil erkannte ich ihn: ein Karakara, ein falkenverwandter Greifvogel. Selbst als ich mich bereits auf dem Rückweg befand, glitt er noch über mich hinweg. Es schien mir, als würde er mich begleiten.

Als ich an der Station am Rand des Eises ankam, saß er auf dem Dach und schaute zu mir herab. Ich blieb draußen, setzte mich hin und aß eine Kleinigkeit. Da sprang er auf den Tisch, tippelte ein paar Schritte, blieb stehen, legte den Kopf leicht schräg und fixierte mich. 

Ich beschloss, noch ein paar Panoramafotos von dem Gletscher zu machen. In unmittelbarer Nähe befand sich ein großer Felsen, der sich perfekt als Aussichtspunkt auf die Eiswand eignete. Oben angekommen, wurde ich nicht enttäuscht. Der Anblick war grandios. Im Vordergrund lag das dunkle, felsige Ufer, an das ich am Vormittag mit dem Boot angelegt hatte. Hier und da spross etwas Grün aus dem steinernen Boden. Auf der Wasseroberfläche trieben einzelne Eisschollen. Dahinter erhob sich die riesige Eiswand des Gletschers, hoch und zerklüftet, ein blaues Massiv, geboren aus ewiger Kälte. Nebel hing über ihm wie eisiger Atem.

Auf der Suche nach der besten Position, um dieses Szenario für ein erinnerungsstarkes Foto einzufangen, sah ich um mich. Und da war er wieder. Der Karakara hatte sich zu mir gesellt und blieb. Sein Blick traf meinen und ich musste unwillkürlich lächeln. Ein Windstoß brachte mich unerwartet aus dem Gleichgewicht. Ich schaute hinaus auf den Lago Argentino. Das Wasser bekam feine Wellen, die Luft wurde kälter, Wolken jagten über den Himmel, das Licht kippte. In Sekunden brach ein Sturm los. Er packte mich so heftig, dass ich ins Wanken geriet. Der Karakara hingegen blieb standhaft. Mit seinen kräftigen Krallen fest im Fels verankert, stemmte er sich gegen die Naturgewalt. Ich aber konnte mich kaum noch auf den Beinen halten, kniete schließlich nieder und war bemüht, dass mir der Wind das Handy nicht aus den Fingern riss. Trotzdem gelang es mir, ein kurzes Video meines treuen Begleiters zu filmen. Als es auch noch zu regnen begann, tapste er direkt auf mich zu, sprang über meine Hand – mit der ich mich am Steinboden festhielt – und lief abwärts, runter von der Anhöhe. Instinktiv folgte ich ihm auf allen vieren. Unten angekommen, harrten wir hinter einer Felswand aus: Mensch und Vogel windgeschützt in einer Nische der Landschaft.

Nach gut einer Stunde kehrte Ruhe ein. An Patagoniens launisches Wetter musste ich mich noch gewöhnen. Später erst, als ich mit dem Boot ablegte, trennten sich unsere Wege. Der Gletscher rückte in die Ferne und irgendwo zwischen Fels, Eis und Wind blieb der Karakara zurück. Warum er sich mir angeschlossen hatte, blieb ein Rätsel, doch die Erinnerung daran versüßte mir die ganze Reise.

Tierreich am Ende der Welt

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Ushuaia liegt am äußersten Zipfel Südamerikas und gilt als letzte Station vor dem „Nichts“. Hinter der abgelegenen Küstenstadt reihen sich aber noch die vielen kleinen Inseln des Feuerland-Archipels aneinander. Danach beginnt die berüchtigte Drake-Passage Richtung Antarktis. Ich hatte eine Bootstour durch die Tierra del Fuego Inselwelt geplant, um unterwegs die heimischen Tiere zu entdecken und zu fotografieren.

Als ich früh am Morgen die steilen Straßen hinunter zum Hafen und zur Anlegestelle lief, stellte sich sofort ein Gefühl von angenehmer Abgeschiedenheit ein. Trotz der etwa 80.000 Einwohner umgab Ushuaia eine beschauliche Ruhe. Auf der einen Seite erhoben sich die südlichsten Ausläufer der Anden. Wie ein mächtiger Wall schienen sie den Ort vom Rest der Welt abzuschirmen. Auf der anderen Seite lag der Beagle-Kanal, der sich durch das Inselgewirr hinaus ins offene Meer erstreckt. Die Einwohner nutzen ihr Image „Fin del Mundo“ und so fand ich dort „die letzte Bar“, „die letzte Tankstelle“, „das letzte Museum“ oder „den letzten Hafen“.

Nach einer kurzen Anmeldung am Hafenhäuschen stieg ich an Bord und wir legten ab. Während das Boot über den Beagle-Kanal glitt, verharrte ich am Bug und hielt Ausschau. Große Möwen-Schwärme waren meine ständigen Begleiter. Zu Dutzenden trieben sie eng zusammen auf dem Wasser, landeten oder starteten und flatterten direkt über mich hinweg. Eine gleichmäßige Brise trug Salz in die Luft und verlieh ihr eine klare, wohltuende Frische. Die See kräuselte sich und die Küstenlinie mit ihrer Bergsilhouette verschwand allmählich im Nebel. Der wolkenverhangene Himmel konnte jederzeit kippen. Und als hätte ich es heraufbeschworen, brach urplötzlich ein Schauer los. Wind und Regen fegten über das wankende Boot hinweg, Gischt schlug mir ins Gesicht. Ich verlor den Halt und suchte Schutz im Inneren.

Doch nur Augenblicke später war alles wieder vorbei. „Das ist also das typische rau-kalte Feuerlandwetter!“, stellte ich fest. Kaum hatte ich mich wieder gefangen und stand zurück an Deck, explodierte die Wasseroberfläche. Eine riesige Fluke hob sich aus dem Meer: Ein Buckelwal offenbarte sich und schenkte mir einen jener seltenen Glücksmomente, die ich mit der Kamera einzufangen versuchte.

Kurz darauf passierten wir eine Seelöweninsel, gerade groß genug, dass ein Leuchtturm darauf Platz fand. Die tierischen Bewohner räkelten sich auf den zerklüfteten Felsen und begrüßten uns mit einem lautstarken Brüllkonzert.

Wenige Seemeilen weiter stießen wir erneut auf eine kleine, flache Felseninsel, doch diesmal gehörte sie den Vögeln: Zahllose Kormorane drängten sich dicht an dicht und besetzten jedes Fleckchen dieses Eilands. Schließlich steuerten wir die Isla Martillo an. Schon aus der Ferne erkannte ich die Tiere dort an ihrer ulkigen Gangart. Eine große Kolonie aus Hunderten Pinguinen verteilte sich auf der kieseligen Strandbucht und watschelte geschäftig umher. In Begleitung eines Wildlife-Guides ging ich an Land und studierte sie aus nächster Nähe. Sie putzten, paarten und stritten sich, krakeelten laut, buddelten Mulden in die Erde oder badeten in der Brandung. Von mir unbeeindruckt tapsten gleich mehrere direkt um mich herum. Ich musste so oft grinsen, dass ich beinahe vergaß, zu fotografieren. Die Bootstour über den Beagle-Kanal wurde zu einer einzigen Abfolge von Begegnungen. Ein quirliges Tierreich am Ende der Welt, in dem jedes Wesen seinen eigenen Platz hatte.

Im Rausch der Winde

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Nach nunmehr drei Wochen in Argentinien und Chile bleibt mir die patagonische Weite durch ihre raue, urgewaltige und menschenleere Natur in Erinnerung. Dabei übernahm ein Element eine ganz besondere Rolle: der Wind. Ungebremste Westwinde jagten über die Ozeane heran und fanden in der offenen Steppe Patagoniens kaum Widerstand. An den Anden stauten sie sich und peitschten durch die Täler. Sie tobten um mich herum – selbst dann, wenn Berge vor mir aufragten und ich in ihrem Schatten Stille erwartete. Gerade diese Naturkräfte boten mir ein visuelles Vergnügen, weil sie Szenerien schufen, die die Landschaften zu einem lebendigen Schauspiel werden ließen. Nebelwinde huschten über Vulkangestein. Ebenen voller Gräser, Büsche und farbenfroher Blumen wogten im Rhythmus des Windes. Kalter Atem des Gletschers stieg über dem Eis auf und verwehte als feiner Hauch. Gewässer kräuselten sich, bis sich auf ihrer Oberfläche ein wirres Muster abzeichnete. Wolken trieben so rasch vorbei, dass sich der Himmel in Sekunden wandelte. Und die Tiere? Guanacos zogen bei Sturm stoisch durch die Steppe. Andenkondore ließen sich ohne Flügelschlag durch die Lüfte tragen. Während ich diese Momente begeistert wahrnahm, entspannte das nuancenreiche Rauschen meine Gedanken. In meinen Aufzeichnungen notierte ich einen Satz, der es für mich auf den Punkt brachte: Patagonische Winde sind Massagen der Natur, die Körper und Geist gleichermaßen beleben.

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